Matthias Gast "Grafenwöhr" Münchner Ostermarsch 4.04.2026 Marienplatz
Matthias Gast, Münchner Friedensbündnis
Ostermarsch München 2026Mittelstreckenraketen in Grafenwöhr
Liebe Freundinnen und Freunde,
die Mittelstreckenraketen kommen zurück nach Deutschland. Die Stationierung der Mittelstrecken-Raketen ist aber kein neues Kapitel, sondern eine gefährliche Rückkehr in das dunkle Zeitalter des Kalten Krieges.
Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, müssen wir in die Vergangenheit. In den 70er Jahren verschärften sich die Spannungen zwischen den Großmächten dramatisch. Die Sowjetunion begann mit der Stationierung mobiler SS-20-Mittelstreckenraketen und die NATO reagierte mit einer Entscheidung, die unsere Gesellschaft tief spalten und eine der größten Friedensbewegungen der Geschichte hervorbringen sollte. Ich spreche vom NATO-Doppelbeschluss.
Dieser Beschluss bestand aus zwei Teilen. Die Aufstellung von Pershing-2-Raketen und knapp 500 bodengestützten Marschflugkörpern in Westeuropa – darunter auch Deutschland. Der zweite Teil war ein Verhandlungs-Angebot an die Sowjetunion, über die Begrenzung dieser Waffen. Doch das Verhandlungs-Angebot entpuppte sich schnell als militärische Eskalation.
Die Pershing-2-Rakete war aufgrund ihrer extrem kurzen Flugzeit von nur 4 bis 10 Minuten bis nach Moskau und ihrer hohen Zielgenauigkeit keine reine Nachrüstung, sondern eine Erstschlags-Waffe, die geeignet war, die sowjetische Führung zu enthaupten.
Dieser Beschluss rief Millionen Menschen in Westeuropa und den USA auf die Straße. Die Friedensbewegung der 80er Jahre war ein einzigartiges zivilgesellschaftliches Phänomen. YouTube und TikTok gab es damals noch nicht. Sie war nicht nur gegen die Raketen selbst, sondern auch gegen die Logik des Wettrüstens. Gegen die Vorstellung, Sicherheit durch immer mehr und immer gefährlichere Waffen herzustellen.
Die Bewegung war breit getragen – von Gewerkschaften, Kirchen, Friedensforschern, Medizinerinnen und vielen Bürger-Initiativen. Sie erzwang eine öffentliche Debatte über die Fundamente der Sicherheitspolitik. Und sie hatte Erfolg. Auch wenn der Bundestag im November 83 der Stationierung zustimmte, ließ der unermüdliche Druck der Proteste nicht nach. Die historische Forschung ist sich heute einig, dass der zivilgesellschaftliche Druck wesentlich dazu beitrug, die weitreichenden Abrüstungsangebote voranzutreiben.
1987 führte dies schließlich zum INF-Vertrag, den es heute übrigens nicht mehr gibt, der alle landgestützten Mittelstreckenraketen verbot.
Ein Triumph der Vernunft und ein Beweis dafür, dass Abrüstung durch zivilgesellschaftlichen Druck möglich ist.
Heute stehen wir vor einer unfassbaren Tatsache: Genau diese Klasse von Waffen, deren Abschaffung wir vor 40 Jahren erkämpft haben, soll wieder auf deutschem Boden stationiert werden. Die Bundesregie-rung und die NATO haben beschlossen, ab 2026 in Deutschland neue weitreichende Waffensysteme zu stationieren. Konkret geht es um Marschflugkörper vom Typ Tomahawk und SM-6-Raketen. Sie sollen unter anderem auch im bayerischen Grafenwöhr stationiert werden.
Die Situation ist erschreckend ähnlich. Wieder soll eine neue Waffen-Generation das strategische Gleichgewicht wiederherstellen. Wieder werden Waffen stationiert, die aufgrund ihrer extrem kurzen Vorwarn-zeit und hohen Zielgenauigkeit nicht der Abschreckung dienen, sondern einen nuklearen Erstschlag ermöglichen. Diese Waffen sind ein destabilisierender Faktor, der die Schwelle zum Atomkrieg senkt. Und Deutschland wird erneut zum potenziellen Erstschlags-Ziel.
Die Maßnahme ist nicht weniger gefährlich als in den 80er Jahren. Wir befinden uns in einem internationalen Umbruch, der vielleicht noch gefährlicher ist als damals. Nicht ohne Grund steht die Weltuntergangsuhr auf 85 Sekunden vor 12. Atomwaffen-Verträge existieren nicht mehr und die Rivalitäten der Großmächte nehmen rasant zu. In diesem Kontext der höchsten Spannungen nun atomare Mittelstreckenwaffen in Europa zu stationieren, ist keine Antwort auf eine Krise.
Es ist eine militärische Eskalation, die uns alle bedroht!
1. Die neuen Mittelstreckenraketen senken die Entscheidungszeiten auf wenige Minuten. Sie erhöhen das Risiko eines versehentlichen Atomkriegs. Im Ernstfall bleibt keine Zeit für Diplomatie.
2. Waffen, die die Führungszentren des Gegners bedrohen, gelten als destabilisierend. Im Ernstfall könnte eine Atommacht versucht sein, als Erster zu schießen.
3. Die Stationierung in Grafenwöhr bedeutet, dass Deutschland erneut zum Lager- und Abschussplatz für amerikanische Atomwaffen wird. Die Einsatzbefehle liegen in Washington. Damit machen wir uns zur Geisel einer möglicherweise eskalierenden US-Politik und werden selbst zu einem legitimen militärischen Ziel. Die nukleare Teilhabe ist kein Beitrag zu unserer Sicherheit, sondern eine gefährliche Abhängigkeit von einem verrückt gewordenen US-Präsidenten.
4. Die Stationierung in Deutschland wird die russische Führung, die dies bereits als direkte Bedrohung ihrer strategischen Kräfte angekündigt hat, zu Gegenschritten provozieren. Dies kann eine neue, unkontrollierte, nukleare Aufrüstungs-Spirale auslösen.
In Belarus stehen bereits russische Atomwaffen.
Und das kann erst der Anfang sein.
Deshalb brauchen wir wieder eine Bewegung, die den politischen Druck aufrechterhält.
Liebe Freundinnen und Freunde,
die Bundesregierung muss die Zustimmung für die Stationierung der Mittelstreckenraketen zurückziehen. Neue Raketen in Grafenwöhr sind der Weg in die falsche Richtung – sie bringen uns nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Gefahr, mehr Misstrauen und mehr Kosten zulasten der Sozialsysteme.
Wir fordern neue Abrüstungsverträge, einen neuen INF-Vertrag. Wir brauchen eine Sicherheitsordnung der Entspannung, die unseren unverrückbaren geografischen Nachbarn Russland mit einbezieht.
Wir fordern die Bundesregierung auf, den Atomwaffensperrvertrag ernst zu nehmen. Denn er verpflichtet auch, sich für die nukleare Abrüstung einzusetzen, statt eine französische Aufrüstung zu unterstützen.
Wir fordern die Bundesregierung auf, den Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen zu unterzeichnen, der rechtliche Rahmen für eine Welt ohne Atomwaffen. Der einzige Weg, einen Atomkrieg zu verhindern, ist die Abschaffung aller Atomwaffen.
Liebe Freundinnen und Freunde,
vor 40 Jahren haben Hunderttausende gezeigt, dass sie bereit sind, für Frieden und Abrüstung auf die Straße zu gehen. Ihr Einsatz war nicht umsonst. Der INF-Vertrag war ein Erfolg und hat gezeigt, dass Politik sich ändern kann. Das können wir wieder.
Grafenwöhr braucht keine Likes, sondern unsere Teilnahme.
Am 30. Mai 2026 sehen wir uns in Grafenwöhr.
Alle Infos kriegt ihr hier bei uns oder im Internet.
Vielen Dank.
admin-0 12. April 2026 - 16:03